Abhängigkeitspotenziale

Abhängigkeitspotenziale verstehen:

Wie stark machen verschiedene Substanzen süchtig?

Sucht bzw. Konsumstörungen sind ein komplexes Thema, welches weit über die Klischees von „harten“ und „weichen“ Drogen hinausgeht. Während viele Menschen intuitiv wissen, dass Heroin oder Kokain hochgradig süchtig machen kann, wird oft unterschätzt, dass auch gesellschaftlich akzeptierte Substanzen wie Alkohol oder Nikotin ein enormes Abhängigkeitspotenzial haben. Um das Risiko objektiv zu bewerten, haben Wissenschaftler verschiedene Substanzen anhand ihres Suchtpotenzials klassifiziert. Eine der bekanntesten Arbeiten stammt von David Nutt und seinem Forschungsteam, die 2007 in The Lancet eine detaillierte Skala veröffentlichten. Sie ordnet Substanzen auf einer Skala von 1 bis 10 ein – basierend auf ihrer Fähigkeit, eine psychische und/oder physische Abhängigkeit auszulösen.

Wie entsteht Abhängigkeit?

Um zu verstehen, warum einige Substanzen extrem süchtig machen können und andere kaum, lohnt sich ein Blick auf die Mechanismen im Gehirn. Abhängigkeit entsteht im Wesentlichen durch eine Störung des Belohnungssystems. Normalerweise wird Dopamin, unser sogenanntes „Glückshormon“, bei positiven Erlebnissen ausgeschüttet – sei es durch Sport, gutes Essen oder soziale Interaktionen. Viele Psychotrope Substanzen greifen direkt in dieses System ein und setzen entweder übermäßig viel Dopamin frei oder verhindern dessen Wiederaufnahme, sodass der Rauschzustand länger anhält. Dieser Mechanismus findet im so genannten synaptischen Spalt statt.

Je stärker dieser Effekt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer Abhängigkeitsentwicklung. Dabei unterscheidet die Wissenschaft zwischen psychischer und physischer Abhängigkeit. Während psychische Abhängigkeit als starkes Verlangen nach einer Substanz auftritt, geht die physische Abhängigkeit mit Entzugserscheinungen wie Zittern, Krämpfen oder sogar lebensgefährlichen Komplikationen einher.

Die Skala des Abhängigkeitspotenzials

Die Forschung zeigt, dass sich Substanzen ganz gut in verschiedene Abhängigkeitsstufen einteilen lassen. Substanzen mit einem sehr niedrigen Risiko wie CBD oder Adaptogene (z. B. Ashwagandha) stehen am unteren Ende der Skala. Sie wirken kaum auf das Belohnungssystem des Gehirns und führen nicht zu typischen Suchtmechanismen. Koffein und Cannabis bewegen sich in einem mittleren Bereich: Hier kann eine psychische Abhängigkeit entstehen, doch körperliche Entzugserscheinungen sind meist mild.

Deutlich gefährlicher wird es im Bereich von Alkohol, Benzodiazepinen und Opioiden wie Oxycodon. Diese Stoffe führen oft zu einer starken psychischen Abhängigkeit, während sich der Körper gleichzeitig an die Substanz gewöhnt und bei Entzug heftig reagiert. Alkohol beispielsweise ist nicht nur gesellschaftlich weit verbreitet, sondern gehört auch zu den wenigen Substanzen, deren Entzug unbehandelt lebensgefährlich sein kann.

Ganz oben auf der Skala finden sich bei regelmäßigem Missbrauch extrem suchterzeugende Substanzen wie Methamphetamin, Crack-Kokain, Fentanyl oder Carfentanyl. Sie wirken in kürzester Zeit mit voller Wucht auf das Dopamin-System, setzen enorme Mengen an Glückshormonen frei und führen oft zur Abhängigkeit. Besonders problematisch ist, dass bei diesen Stoffen die Toleranz schnell ansteigt, sodass immer größere Mengen benötigt werden, um denselben Effekt zu erzielen. Gleichzeitig ist der Entzug oft brutal – mit starken körperlichen und psychischen Symptomen, die in vielen Fällen medizinisch behandelt werden müssen.

Die wissenschaftliche Einstufung des Abhängigkeitspotenzials 

Basierend auf den Arbeiten von David Nutt und anderen Forschern ergibt sich folgende Einstufung:

  • 1 – Sehr geringes Abhängigkeitspotenzial → CBD, Adaptogene (z. B. Ashwagandha); keine bekannte psychische oder physische Abhängigkeit.
  • 2 – Geringes Abhängigkeitspotenzial → Koffein (in geringen Mengen), Nikotinersatzstoffe; leichte psychische Abhängigkeit möglich, physische Abhängigkeit selten.
  • 3 – Leicht erhöhtes Abhängigkeitspotenzial → Koffein (hochdosiert), geringe Mengen THC (Cannabis); psychische Abhängigkeit häufiger, körperliche Entzugssymptome selten.
  • 4 – Moderates Abhängigkeitspotenzial → Alkohol in moderaten Mengen, höhere THC-Dosierungen, niedrig dosierte Opioide bei kurzfristigem Gebrauch; Entzugssymptome sind möglich, aber meist mild.
  • 5 – Erhöhtes AbhängigkeitspotenzialNikotin (in moderater Nutzung), regelmäßiger Alkoholkonsum, Benzodiazepine in geringen Dosierungen; psychische und physische Abhängigkeit treten häufiger auf.
  • 6 – Stark erhöhtes Abhängigkeitspotenzial → Oxycodon, höhere Dosierungen von Benzodiazepinen, Methadon; deutliches Abhängigkeitsrisiko mit spürbaren Entzugserscheinungen.
  • 7 – Sehr hohes Abhängigkeitspotenzial → Methamphetamin, Crack-Kokain, Heroin in niedriger Dosierung; starke psychische und physische Abhängigkeit, schnelle Toleranzentwicklung.
  • 8 – Extrem hohes Abhängigkeitspotenzial → Hochdosierte Benzodiazepine über längere Zeit, intravenöses Heroin, Fentanyl; extrem schwerer Entzug mit hohen Rückfallquoten.
  • 9 – Maximales Abhängigkeitspotenzial → Crack-Kokain bei Dauerkonsum, hochdosiertes Fentanyl, Methamphetamin in hoher Dosierung; schnellste Abhängigkeitsentwicklung, schwere Entzugserscheinungen.
  • 10 – Absolutes Abhängigkeitspotenzial → Carfentanyl, bestimmte Designerdrogen mit extremem Suchtpotenzial; extrem rasche Abhängigkeitsentwicklung, lebensgefährliche Entzugserscheinungen, extrem hohes Rückfallrisiko.

Warum ist diese Einteilung wichtig?

Viele Menschen unterschätzen das Abhängigkeitspotenzial bestimmter Substanzen oder lassen sich von gesellschaftlichen Normen beeinflussen. Während Cannabis oft als „gefährlich“ dargestellt wird, rangiert es auf der wissenschaftlichen Skala niedriger als Alkohol oder Nikotin. Medikamente wie Benzodiazepine oder Opioide werden oft verharmlost, obwohl ihr Abhängigkeitspotenzial mit vielen illegalen Drogen vergleichbar ist.

Indem wir diese wissenschaftliche Einteilung nutzen, können wir Substanzen objektiver bewerten – jenseits von Moral oder Stigmatisierung. Genau aus diesem Grund haben wir in unserem Lexikon eine Tacho-Skala integriert, die auf dieser Einteilung basiert und auf einen Blick zeigt, wo eine Substanz auf der wissenschaftlichen Abhängigkeitsskala einzuordnen ist.

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Einstufung des Abhängigkeitspotenzials als Grafik zu besseren Visualisierung